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Ludwig Ammann
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Replik auf Rita Grießhaber
Zuschrift an die Badische Zeitung vom 19. Mai 2006

Rita Grießhaber ist wütend und traurig über ein von mir und Katajun Amirpur herausgegebenes Buch: "Der Islam am Wendepunkt". Über Gefühle lässt sich schlecht streiten. Doch hätte der von uns erörterte Gegenstand, der Kampf der liberalen und konservativen Vordenker im Prozess der islamischen Reformation, eine sachliche Auseinandersetzung verdient.
Beginnen wir so: Rita Grießhaber brachte ihre beiden Einwände erstmals in einer persönlichen Unterredung kurz nach Erscheinen des Buchs zur Sprache. Keiner konnte damals den anderen von seiner Sicht überzeugen. Dennoch entschlossen sich die Herausgeber, in der kurz darauf erschienen zweiten Auflage den gewünschten Disclaimer einzufügen: "Dazu gehört auch, dass Gamâl al-Bannâ' und Tariq Ramadan terroristische Gewalt uneingeschränkt verurteilen, während Yûsuf al-Qaradâwî zwar revolutionäre Gewalt und Anschläge wie die von New York, Madrid, London, Luxor und Bali als Terrorismus geißelt, Selbstmordanschläge von Palästinensern hingegen als letztes Mittel der Verteidigung ihrer "heiligen Stätten" rechtfertigt.
Es versteht sich von selbst, dass wir dem nicht zustimmen - wie auch der puritanische Reformator Oliver Cromwell unsere Zustimmung nicht fände, der die Massaker von 1649 an katholischen Iren als "gerechte Strafe Gottes" begrüßte." (S. 13) Selten dürfte einer Leserbitte so rasch Folge geleistet worden sein. Leider gibt mir der nun erschienene Brief Grund, dieses Entgegenkommen zu bedauern.
Halten wir darum fest: Unser Buch enthält 19 Porträts von Reformern höchst unterschiedlicher Couleur. Davon lassen sich fünf bis sechs dem konservativen Lager zuordnen; es lässt sich kaum übersehen, welchem Lager die Sympathien der Herausgeber und Autoren gelten. Exakt zwei der porträtierten Rechtsgelehrten heißen palästinensische Selbstmordattentate auf Israelis als Akt der Verteidigung gut. Diese höchst anstößige Haltung wird von den Autoren der Porträts nicht etwa unterschlagen, sondern im Gegenteil detailliert geschildert (S. 114f., S. 103f.), schließlich fühlen wir uns dem Ideal einer rückhaltlosen Aufklärung verpflichtet. Dass das Ärgernis durch uns aufgedeckt wurde, wie auch sie selber erst durch unser Buch davon erfuhr, erwähnt Grießhaber mit keiner Silbe. Schlösse ich mich ihrem Stil der Verdächtigung an, müsste ich aus dieser Unterlassung auf eine "mehr als unseriöse" Absicht schließen; das aber liegt mir bis auf weiteres fern.
Halten wir fest: Das Vorwort der ersten Auflage enthielt den von Grießhaber gewünschten Hinweis nicht, weil 1. die betreffenden Beiträge die bitter nötige Aufklärung bieten, 2. wir unsere Leser als mündige, selbständig urteilsfähige Leser achten, 3. das Vorwort ausdrücklich darlegt, wie schwer es fällt, manche Stimmen nicht von der Reformdebatte auszuschließen (S. 11-12). Es gibt auch für uns Wissenschaftler erfreulichere Gegenstände als das erzkonservative Denken eines Yûsuf al-Qaradâwî. Leider kommen wir nicht umhin, seine Position zur Kenntnis zu nehmen - denn er ist nun einmal der mächtigste sunnitische Rechtsgelehrte des arabophonen Islam und wird von seinem nach Millionen zählenden Fernsehpublikum als Reformer verehrt. Der amerikanische Soziologe Charles Kurzman hat ihn in seinem Standardwerk "Liberal Islam: A Source-Book" (1998) sogar als liberalen Reformer porträtiert. Das erschien uns nun doch etwas kühn... Wird Kurzman, werden die durch ihre Islamexpertise ausgewiesenen Rezensenten der FAZ und SZ nun Abmahnungen von Grießhaber erhalten, weil sie nicht gebührend auf Qaradâwîs Israelfeindschaft hingewiesen haben?
Das US State Department kam zu dem Schluss, dass man einen Mann wie ihn am besten mit Gegenargumenten bekämpft und organisierte 2002 eine Fernsehdebatte über Selbstmordattentäter in Qatar mit, in der es den liberalen Gelehrten Khaled Abou El Fadl gegen ihn ins Rennen schickte (S. 123) - mit Erfolg. Wir sind in unserem Kapitel über "Spielräume einer Schariareform" diesem Beispiel gefolgt und haben ein Porträt El Fadls auf das Porträt Qaradâwîs folgen lassen. Auch davon kein Wort in Grießhabers Leserbrief...
Nun noch zu ihrem zweiten Einwand. Im "Teil über engagierte Frauen" werde nur Schirin Eba-di zu Recht als Frauen- und Menschenrechtsaktivistin genannt. Das ist falsch. Denn es handelt sich um ein Kapitel über islamischen Frauen- und Menschenrechtsaktivismus, so die Überschrift. Und den betreiben nicht nur Frauen, sondern auch Männer wie der hier vorgestellte Gamâl al-Bannâ', einer der engagiertesten Frauenrechtler der arabischen Welt. Warum verschweigt das Grießhaber ihren Leser/innen? Und warum verkürzt sie die soziologisch zutreffende Aussage des Nachworts, dass nämlich eine Islamistin in Führungsposition wie Nadia Yassine etwas aufbreche, und zwar sowohl in der islamistischen Mobilisierung wie an der feministischen Front (S. 207) und in vielschichtiger Weise, zu dem albernen Kurzschluss, sie werde hier "der feministischen Front zugeordnet"? Denn in der Tat: als Führende bricht sie mit den patriarchalischen Erwartungen der islamistischen Front - und als Frau, die gegen frauenpolitische Forderungen opponiert - wie im Beitrag geschildert! - mit den Erwartungen der säkularen feministischen Front. Das ist beispielhaft für die extreme Ambivalenz mancher konservativer Stimmen - und genau das erläutert der auf seinem Gebiet führende Politologe Patrick Haenni in seinem ausgezeichneten Nachwort höchst lehrreich!
Wir nehmen mit Bedauern zur Kenntnis, dass die Grünenpolitikerin Rita Grießhaber Aufklärung auch über die Schattenseiten der gegenwärtigen Reformdebatten in der islamischen Welt nicht zu schätzen weiß und den Überbringer der schlechten Nachrichten haftbar machen möchte für das, was an anderem Ort zu bekämpfen wäre. Manchmal liegen Welten zwischen zwei Generationen. Uns, den Nachgeborenen, ist die wohlfeile Trauer&Wut-Rhetorik mancher 68er im Dienst einer Single-Issue-Politik fremd. Wir möchten den Kampf um ein liberales Islamverständnis führen und gewinnen - auf möglichst liberale Art und Weise. Nur das ist glaubwürdig - und nur das überzeugt!
Ludwig Ammann