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Ludwig Ammann
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Irshad Manji: Der Aufbruch - Plädoyer für einen aufgeklärten Islam.
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle.
Eichborn Verlag, 225 Seiten, E 17.90

Andere zerstören Türme. Irshad Manji schreibt einen Brief an ihre muslimischen Schwestern und Brüder. Danach wird nichts mehr sein, wie es war. Denn die gläubige Fernsehjournalistin aus Vancouver stellt sich und allen Muslimen die verbotene Frage der Fragen - Was ist faul am heutigen Islam? - und schlachtet dann Heilige Kühe im Dutzend.
"Trifft euch jetzt gerade der Schlag? Dann beeeilt euch damit! Ja, ich nehme kein Blatt vor den Mund. Daran müsst ihr euch einfach gewöhnen." Dies ist eine furiose Selbstkritik des Islam, kämpferisch, selbstironisch, vor allem aber unbedingt aufrichtig, auch wenn es weh tut, und darum: glaubwürdig. Manji setzt damit fort, was Abdelwahhab Meddeb mit "Die Krankheit des Islam" - und vor ihm der grosse Sâdiq al-Azm! - begann; nur dass sie die überfällige Selbstkritik ungeheuer griffig zum Mitdenken für ein Millionenpublikum formuliert - diese Frau wurde nicht umsonst berühmt als Moderatorin und nun Präsidentin eines Fernsehkanals!
Natürlich ist sie als Frau und Lesbe schon aus ureigenstem Interesse doppelt berufen, für einen modernen Islam (und, armer Schirrmacher, gegen männliche Diskurshoheiten) zu streiten - eine klassische Agentin des Wandels. Natürlich ist es kein Zufall, dass sie dies ausgerechnet im Westen tut: Hier herrschen Freiheiten, von denen das Individuum in den meisten Ländern der islamischen Welt nur träumen kann. Ihr Stossseufzer lautet daher, mit doppelter Spitze gegen antiwestliche wie antireligiöse Ressentiments: "Ich danke Gott für den Westen!"
Einen Fehler allerdings hat der Westen: Er lässt sich aus Scham über seinen früheren Kolonialismus und falsch verstandenem Multikulturalismus die notwendige Kritik am Islam verbieten. Dieses Hindernis räumt Manji ab wie ein Terminator. Edward Said? Nein danke! Manji hat die Nase gestrichen voll von einer Diskurspolitik, die es "stupid brown men" bis heute gestattet, die Schuld an allen Übeln der islamischen Welt anderen, dem Westen, den Amerikanern, den Zionisten und Kreuzfahrern in die Schuhe zu schieben. "Werdet erwachsen!" will sie ihren Glaubensgenossen zurufen - die sich als Opfer fühlen statt Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. Das wird den Diskurs, hoffentlich, hüben wie drüben revolutionieren.
Folgt eine mitreissende Recherche zur provokanten Frage: Was macht den Mainstream-Islam heute engstirniger als seine Schwesterreligionen? was ist der Grund für sein Kränkeln, seine intellektuelle und moralische Verkümmerung? Ihre Kindheit bringt Manji auf die Spur: Die islamische Schule, auf die der autoritäre Vater sie schickte, verstand unter Unterricht Indoktrination und verbat ihr kritische Fragen an die Tradition - also das eigene Denken. Erst durch Rebellion und dann das unerwünschte Selbststudium eines englischen Koran fand sie zurück zum Glauben. Ihre wichtigste Entdeckung: Der Koran ist nicht "vollkommen", er ist eine Ansammlung von Widersprüchen. Man findet darin Verse für Liberale - und Verse für Militante. Es kommt darauf an, für welche Lesart man sich entscheidet - Muslime haben also "allen Grund zum Denken"! Das taten sie auch - früher, im Goldenen Zeitalter, das beseelt war vom Geist der Nachforschung, dem berühmten Idschtihad. Das war nichts anderes als ein Dschihad (im Wortsinn "Anstrengung") des unabhängigen Denkens beim Auslegen des Koran. Doch leider siegte nach einer fatalen Inquisition zugunsten der Selbstdenker um 1250 die Fragt-nicht-warum-Orthodoxie, der Geist der Nachahmung, der den Mainstream-Islam bis heute beherrscht. "Hirntod", lautet Manjis respektlose Diagnose; die buchstabengläubigen Mullahs werden schäumen vor Wut. Und: dies sei ein hausgemachtes Übel, für das man nun wirklich keine Kreuzfahrer verantwortlich machen kann!
A propos Sündenböcke: Ein Selbsterfahrungs-Trip nach Israel führt zu der Stichelei, dass sich dessen unermüdliche Kritiker ruhig eine Scheibe von der dort üblichen Selbstkritik abschneiden könnten. Stimmt. Dafür hätte Manjis Anti-Antisemitismus gut und gern die israel-apologetischen Töne vermeiden können. Schwamm drüber: Dass Amerika durch kurzsichtige "Realpolitik" in der islamischen Welt regelmässig Hoffnungen enttäuscht, darum aber noch lange nicht für die Rolle des Hauptschurken taugt - das trifft ins Schwarze. Damit ist der Weg frei für die entscheidende Erkenntnis: Die Wurzel des muslimischen Elends ist weder die USA noch Israel, es ist ein ganz bestimmter Islam: der verknöcherte Wüsten- gleich Stammes-islam Arabiens, der Demokratie und Kreativität unterdrückt. Der wahre Kolonisator der islamischen Welt ist - Saudi-Arabien!
Kernstück ihrer Reformagenda ist das Studium des Korans in der je eigenen Sprache: Schluss mit dem Deutungsmonopol einiger weniger des Arabischen mächtigen Muftis! Das ist der Aufstand der Laien, der gerade im Islamismus längst stattfindet. Manji ermutigt einfache Muslime zum Idschtihad. Das ist in der Tat ein wichtiger Weg zur Erneuerung. Doch Vorsicht: die Laienauslegung kann zu allen möglichen Ergebnissen führen, von liberal bis militant - auch Osama bin Laden ist ein wenn auch übergeschnappter Laienintellektueller, der nun fleissig Dschihad-Fatwas erteilt!
Manjis One-Woman-Dschihad gegen die Leiden der islamischen Welt verfolgt ein anderes Ziel. Es ist nichts geringeres als eine "liberale islamische Reformation", deswegen das muttersprachliche Koran- wie einstens das Bibelstudium; von "Aufklärung", der Heiligen Kuh der nichtmuslimischen Islamdebatte, ist im Originaltitel nicht die Rede! Und weil wir gerade dabei sind: Sorry, "kein Schleier" ist nicht die These ihres Buchs, auch wenn das den Jungs von Eichborn und dem von ihnen anvisierten Publikum so passen würde. Kein Schleierzwang, also die Freiheit, sich für oder gegen den Schleier zu entscheiden - das ist der springende Punkt. Ist das wirklich so schwer zu kapieren?
Es gibt in "Der Aufbruch" - "The Trouble with Islam" eine unendlich wichtige Passage, die nichtgläubige Leser nicht überlesen sollten. Einen Schlagabtausch mit Taslima Nasrin, die hierzulande als islamkritische Stimme bei Intellektuellen sehr beliebt ist. An dessen Ende gibt Nasrin zu, dass sie nicht an Gott glaubt und die Religion abschaffen möchte, weil sie "gegen die Menschlichkeit" sei. Da denkt Manji entschieden anders: Sie will, als Gläubige, die Religion nicht abschaffen, sondern erneueren. Das ist mit Sicherheit erfolgversprechender als ein abgekupferter Besserwessi-Säkularismus, hinter dem sich Religionsfeindlichkeit verbirgt. Das ist scheinheilig. Manji ist ehrlich. Das macht ihre Kampfschrift zu einem Ereignis.
Ludwig Ammann